Iranian Music

Radif

DIE KLASSISCHE MUSIK IRANS

Werden die Töne und Melodien (Guschehâ) in einer richtigen Anordnung, mit künstlerischer Logik und Schönheitsempfindung dieses Landes in einer harmonischen Weise in Anbetracht von Tonalität, Melodieverlauf, Rhythmus und den spezifischen Verzierungen dieser Musik hervorgebracht, dann spricht man von Radif. Jeder Musik-Ostâd bildet durch Verbinden der Guschehâ nach seinem Geschmack, Denken und Fühlen ein Radif. Jeder innovativer Spieler schöpft aus dem Moment ein "neues" Radif.

In der Tat Radif ist eine lebendige, freie, schöne und suchende Musik. Frei und lebendig, weil sie auf der Improvisation basiert. Schön und suchend, weil die Verzierungen und Wiederholungen die musikalische Empfindung verstärken und selbst ein Instrument der Gedankenvermittlung sind. Andererseits stellt Radif eine geordnete Menge der Musik verschiedener Gebiete Irans dar und beinhaltet einige der volkstümlichsten Eigenschaften der iranischen Kultur. Die iranische Geschichte ist voller seltener Ereignisse. Bitterkeit und Süße, Freude und Trauer sind ineinander gewachsen. Radif ist die Wiederspiegelung dieser ganzen Geschichte. Die Kultur der Anbetung der Ehrlichkeit, die von altersher einer der Säulen des iranischen Geistes ist, wird im Radif sichtbar. Die Musik des Radif kämpft gegen Unreinheit, Häßlichkeit und Traurigkeit. Kampfesgeist, Hoffnung und Widerstand sind darin erkennbar; das versteckte Geheimnis wird zum Herzen des Freundes weitergereicht.

Die unendliche Schönheit der Natur und ihr Klang ist in Details des Radif nachzuempfinden.

Als ob es von schönsingenden Vögeln komponiert wäre,

man riecht den Rosengeruch Kâschâns,

ihre warme Röte schenkt einer alten Liebe neues Leben,

die Sonne strahlt Wärme aus,

Licht und Freundlichkeit setzen sich nieder,

der Himmel in der Nacht und das Leuchten der Sterne

die Wüste mit unendlichen Steppen und ihren traumhaften Farben,

die samtenen Reisfelder des Nordens und ihr zarter Tanz im weichen Wind ...

In der Bewegung der Melodien ziehen die Töne in ihrer Richtung wie die Flammen des Feuers immer wieder nach oben, der Tanz der Funken in den Nachthimmel,

die Leiter zur Ehrlichkeit und Reinheit,

das Aufflammen der Wünsche.

Die Nuance im Radif ist wie die Wellenbewegung im Weizenfeld. Man kann nicht sagen, wo sie sich aufhält; sie ist dauernd auf der Suche. Leichte, tiefe und manchmal tobende Schläge, ruhiges und dann zerstreutes Wirbeln, alle haben ihren eigenen Platz im Radif. Der Gesang bzw. Instrumentenklang ist ständig hörbar, nur manchmal hält er inne; in jedem einzelnen oder gezogenen Ton befindet sich zugleich eine faszinierende Stille. Die Melodie eines Guscheh hat ihre eigene Form und ihren eigenen Inhalt, die sich auf ein weiteres Guscheh bezieht- der Widerspruch, die Antwort oder die Ergänzung. Auf diese Weise entsteht ein System Namens Dastgâh, das wiederum sich zu anderen Dastgâhâ gleichermaßen verhält. Radif ist equivalent zu dieser gesamten Menge. Eine Radif-Aufführung basiert auf der Soloimprovisation, mit freier Vorstellung und momentaner Schöpfung, wiederum basierend auf vorgelernten Imaginationen. Diese Kunst lernt der Sänger oder Instrumentalist viele Jahre in der Tradition der mündlichen Überlieferung, so daß er mit allen Zellen dieser Musikkultur vertraut wird. Und schließlich ist Radif eine Ausrede, ein Alibi zum Fortsetzen der traditionellen Musik Irans und zum Beibehalten des richtigen Singens und Spielens. Es ist die musikalische Imagination, die in die Erinnerungen eingehauen worden ist, um zu einer neuen Zeit und an einem anderen Ort mit höheren Gedanken und in einer umso schöneren Form wieder ausgesprochen zu werden. Das ewig suchende Wort!

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Einleitung zum Buch " Sieben Dastgâhâ der persischen Musik " von Ostâd Madjid Kiani, Aus dem Persischen übersetzt: Mehrdad Farsidjani & Antonia Baumann

Guscheh: Ecke, Teilchen, eine kleine musikalische Form oder Melodie mit einem spezifischen Rhythmus

Dastgâh: Modular aufgebautes komplexes System; Lautengriff

Radif: Reihe, Rang, geordnete Menge   

Ostâd: Meister     

Kâschân: Eine Stadt im zentralen Westen Irans, am Rande der großen Salzwüste  


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